Auch wenn du es vielleicht schon weißt: Nabelschnurblut ist das Blut, das nach dem Durchtrennen der Nabelschnur eines neugeborenen Babys in dessen Nabelschnur und Plazenta zurückbleibt. Nabelschnurblut enthält blutbildenden Stammzellen, die alle Zellen des menschlichen Blutes erneuern können und deshalb für die Behandlung von beispielsweise schweren Bluterkrankungen wertvoll sind.

Wegen der Stammzellen und ihrer besonderen Eigenschaften werden besonders hohe Anforderungen an die Entnahme und die Aufbereitung von Nabelschnurblut gestellt. Auf dieser Seite kannst du dir dazu einen Überblick verschaffen.

 

Kurz & Knapp: Hier findest du Infos rund um Nabelschnurblut zu folgenden Themen

  1. Alles zur Entnahme von Nabelschnurblut
  2. Alles zum Abnabeln und Auspulsieren
  3. Alles zur Einlagerung und Haltbarkeit

 

Häufige Fragen zur Entnahme von Nabelschnurblut

Wie und wann wird Nabelschnurblut gewonnen?

Die Entnahme von Nabelschnurblut erfolgt erst nachdem ein neugeborenes Kind abgenabelt wurde und ist bei allen Anbietern weitestgehend gleich. Mit einer speziellen Kanüle wird in die Nabelschnurvene gepickst. Das Nabelschnurblut fließt dann über ein Schlauchsystem in einen speziellen Beutel, der einen Gerinnungshemmer enthält. Das Blut darf schließlich nicht verklumpen, sonst ist es nämlich unbrauchbar. Im Grunde ist die Prozedur ähnlich wie bei einer normalen Blutentnahme.

Was brauche ich für die Entnahme von Nabelschnurblut?

Für die Entnahme brauchst du ein spezielles Entnahme-Set. Nabelschnurblut darf nämlich nicht einfach so abgenommen werden. Der Ablauf zur Entnahme und alle verwendeten Gerätschaften (wie z.B. Blutbeutel, Schlauchsystem etc.) müssen von Behörden bestätigt und freigegeben sein. Ein Entnahme-Set bekommst du bei der Nabelschnurblutbank deiner Wahl, nachdem du mit dieser einen Vertrag geschlossen hast. Bei den meisten privaten Anbietern bekommst du das in einer Box nach Hause geliefert (auf den meisten Websites kannst du dir diese Boxen auch anschauen). Diese Box nimmst du üblicherweise einfach zur Geburt mit in die Klinik.

Was passiert mit Nabelschnurblut und Nabelschnurgewebe, das nicht eingelagert wird?

Es wird nach der Geburt verworfen.

Wer darf Nabelschnurblut entnehmen?

Nur Kliniken, die von den jeweiligen Überwachungsbehörden (der Bundesländer) eine Entnahmeerlaubnis erhalten haben, dürfen Nabelschnurblut und Nabelschnurgewebe entnehmen. Zusätzlich darf das auch nur von geschultem Klinikpersonal durchgeführt werden. Die Schulung muss durch die verschiedenen Anbieter realisiert werden. Die jeweiligen Klinik-Teams in Deutschland, Österreich und der Schweiz müssen alle 2 Jahre geschult werden.

Woher weiß ich, ob mein Kreißsaal-Team geschult ist und Nabelschnurblut entnehmen darf?

Dazu kannst du die verschiedenen Anbieter kontaktieren. Sie sind verpflichtet dir dazu Angaben zu machen. Alternativ kannst du das Klinik-Team deiner Wunschklinik fragen. Manche Anbieter bieten aber auch spezielle Web-Tools an die dir anzeigen, wo die Entnahme möglich ist.

Gibt es Ausnahmen, bei denen ich Nabelschnurblut doch nicht einlagern lassen kann?

In den meisten Fällen kann Nabelschnurblut problemlos entnommen werden. Wenn jedoch eine bekannte Infektion bei der Mutter oder dem Vater vorliegt (z.B. mit HIV, Hepatitis, Dengue-Fieber, Corona usw.), ist eine Entnahme ausgeschlossen. Die Anbieter sind aber auch verpflichtet vor der Geburt festzustellen, ob es Gründe gibt, die einer Einlagerung im Wege stehen. Üblicherweise wird das anhand eines ausführlichen Anamnesefragebogens gemacht.

 

Abnabeln und Auspulsieren

Was ist der Unterschied zwischen „auspulsieren lassen“ und „verzögert abnabeln“?

Der Unterschied liegt in der Zeit, die verstreicht, bis ein neugeborenes Kind abgenabelt wird. Wenn ein Kind nicht unmittelbar nach Geburt abgenabelt wird (wie es beispielsweise nach Kaiserschnittgeburten oder Notgeburten gemacht wird), ist es eigentlich immer ein „verzögertes Abnabeln“. Das wird auch von deutschen Fachgesellschaften empfohlen und ist Standard in der Klinik. Üblicherweise wird 1 bis 3 Minuten nach Geburt abgenabelt26. Wenn das Abnabeln aber darüber hinaus verzögert wird, dann ist die Rede vom „auspulsieren lassen“.

Kann ich auspulsieren lassen und trotzdem Nabelschnurblut entnehmen?

Wenn du die Nabelschnur vollständig auspulsieren lässt, ist die Entnahme von Nabelschnurblut nicht mehr möglich. Ganz einfach, weil dann kein Nabelschnurblut mehr in der Nabelschnur ist.

Muss mein Kind sofort abgenabelt werden, wenn ich Nabelschnurblut einlagern will?

Nein. Das muss es nicht. In der Klinik üblich ist das verzögerte Abnabeln nach 1 bis 1 ½ Minuten, so wird es auch von den entsprechenden Fachgesellschaften empfohlen26. Laut 2 Studien aus den USA und Schweden hat das verzögerte Abnabeln aber kaum Einfluss auf die Entnahme von Nabelschnurblut, auch nicht, wenn das Neugeborene erst nach über 1 Minute abgenabelt wird27,28.

Das Auspulsieren-lassen ist doch aber das Beste für mein Kind, oder?

Ganz ehrlich. Da streiten sich die Wissenschaftler*innen und Ärzt*innen. Die einen sagen, die Kinder bekommen dann mehr Eisen, Nähstoffe und Immunzellen29,30 – was fitter macht. Die anderen sagen, die Kinder bekommen dann zu viel von allem und haben ein höheres Risiko für Neugeborenen-Gelbsucht oder erhöhten Blutdruck31. So oder so sind das aber alles nur kurzfristige Effekte. Bisher ist nichts bekannt über einen langfristigen Vorteil durch das Auspulsieren-lassen oder einen langfristigen Nachteil durch ein Nicht-Auspulsieren-lassen32. Die Diskussion ist wahrscheinlich eher emotional als sachlich.

 

Einlagerung/Haltbarkeit

Wie lange ist eingelagertes Nabelschnurblut haltbar?

Eingefrorenes Nabelschnurblut ist wie ein Jungbrunnen für Stammzellen: Es kann mehrere Jahrzehnte gelagert werden, ohne dass die Zellen altern oder ihre Funktionsfähigkeit verlieren20. Wichtig ist nur, dass der Kälteschlaf bei -180 °C nicht unterbrochen wird. Die entsprechende Technologie dazu ist Industrie-Standard.

Wenn Nabelschnurblut eingefroren wird, was passiert dann mit den Stammzellen?

Die extremen Bedingungen, unter welchen die Zellen gelagert werden, sind ideal für eine langfristige Lagerung. Die tiefen Temperaturen um -180 Grad Celsius verlangsamen chemische und biologische Prozesse so stark, dass sich die Zellen über Jahrzehnte hinweg kaum verändern20,21.

Was, wenn ich das Nabelschnurblut einmal brauche?

Über die Anwendung eines Nabelschnurblutes entscheiden die behandelnden Ärzt*innen. Sie setzen sich auch mit deinem Anbieter in Verbindung „rufen es ab“ um damit dein Kind zu behandeln. Natürlich geht das nur mit deinem Einverständnis. Die Vorbereitung der Behandlung und den Transport eures Nabelschnurblutes übernimmt eigentlich immer der jeweilige Anbieter.

Was kostet mich eine Behandlung mit Nabelschnurblut?

Wenn das Nabelschnurblut als Stammzelltransplantat angewendet wird, kostet dich die Behandlung nichts. In diesem Fall zahlen die Krankenkassen. Die Teilnahme an klinischen Studie oder einem „individuellen Heilversuch“ muss dagegen sehr wahrscheinlich selbst getragen werden (u.a. abhängig von deiner Versicherung). Einen Pauschalbetrag gibt aber nicht, weil die zusätzlichen Untersuchungen und begleitenden Behandlungen die Kosten individuell beeinflussen.

 

Referenzen

20) Liedtke S;Többen S;Gressmann H., et al. 2024. Stem Cells Transl Med. doi:10.1093/stcltm/szad071.

21) Stephanie Andrea Kuhn. Einfluss der Kryokonservierung auf die strukturelle Integrität und die Elektrophysiologie von Herzdünnschnitten. Ein innovatives Testsystem für Herzmedikamente: Inauguraldissertation Zur Erlangung der Doktorwürde der Universität zu Lübeck ‐ Aus der Sektion Naturwissenschaften. https://www.zhb.uni-luebeck.de/epubs/ediss1414.pdf. Accessed March 1, 2024.

22) Mousavi S.H;Zarrabi M;Abroun S., et al. 2019. Asian Journal of Transfusion Science. doi:10.4103/ajts.AJTS_124_18.           

26) AWMF. 2012

29) Andersson O;Hellström-Westas L;Andersson D., et al. 2011. BMJ. doi:10.1136/bmj.d7157.

30) Mercer J.S;Erickson-Owens D.A;Deoni S.C.L., et al. 2018. J Pediatr. doi:10.1016/j.jpeds.2018.06.006.

31) McDonald S.J;Middleton P;Dowswell T., et al. 2013. Cochrane Database Syst Rev. doi:10.1002/14651858.CD004074.pub3.

32) Andersson O;Domellöf M;Andersson D., et al. 2014. JAMA Pediatr. doi:10.1001/jamapediatrics.2013.4639.